Dezember 2001

Innere Stille

 

In Zeiten der Dunkelheit wird das Licht neu geboren. Die Wintersonnenwende naht. Die Nächte werden länger. Das Licht erwartet seine Wiedergeburt. Die Zeit der Sonnenwende, die den ganzen Dezember umfasst, ist eine Zeit, zu der wir die Tiefe und die Kraft innerer Stille erfahren können. Diese innere Stille wird immer wichtiger in einer Welt voller Lärm. 

Es gibt viele laute Stimmen in der Welt. Viele barsche Stimmen, Stimmen der Angst und der Wut. Aus den Tiefen innerer Stille findet man die eigene Stimme der Hoffnung, des Vertrauens, der Liebe und der Klarheit. Es ist nicht einfach. Aber es ist möglich. 

Im Gebet, in der Meditation und in der Natur begegnet man der inneren Stille. Sie mag nur einen Augenblick andauern. Und sie wird vielleicht von dem Lärm der Welt oder dem Lärm unseres eigenen Geistes gleich wieder verschluckt. Trotzdem hat dieser Augenblick seinen Wert, dieser Augenblick, wenn auf einmal alles friedlich ist, nur für einen Atemzug, nur für einen Moment. 

Wenn Menschen es zulassen, diese seltenen Augenblicke zu erleben, diese Atemzüge des Friedens, dann werden es immer mehr. Sie addieren sich in Ihrem persönlichen Erleben und sie addieren sich in der Energie der ganzen Welt. Haben Sie niemals Angst, dass ein Augenblick des Friedens nicht genug ist. Jeder einzelne zählt. 

Es gibt eine Geschichte aus der buddhistischen Tradition über einen kleinen Papagei in einem Wald. Dieser kleine, wunderschöne Wald lebte wiederum in einem großen, schönen Wald. Eines Tages begann der Wald zu brennen. Das Feuer geriet außer Kontrolle und die Tiere flohen voller Angst. Das Feuer drohte, den gesamten Wald zu erfassen. Der kleine Papagei flog hilflos über dem Feuer, bis ihm auf einmal einfiel, dass ganz in der Nähe ein Fluss entlang floss. Er flog zu dem Fluss und tauchte seine Flügel ein. Dann flog er zurück zum Wald und schüttelte kleine Wassertropfen in die Flammen. Sie verdampften sofort. Er flog wieder zum Fluss und wieder zurück zum Wald, wieder und wieder und wieder. Die kleinen Wassertropfen, die er aus seinen Flügeln schüttelte, fielen herab und verschwanden in den gierigen Flammen. Die großen Götter, die Lichtwesen, die Bodhisattvas, sahen ihn und begannen angesichts der Liebe, des Mitgefühls und der Hingabe des kleinen Vogels zu weinen. Und während der kleine Vogel das Feuer allein nicht löschen konnte, flossen die Tränen der Bodhisattvas in einem großen Fluss zusammen, und das Feuer erlosch. 

Jeder kleine Augenblick des Friedens, jeder Moment innerer Stille, ganz gleich, wie gering er uns erscheinen mag, ist wie ein Wassertropfen, der in den großen Fluss des Mitgefühls fließt und der in die Welt hinaus fließt und uns zu größerem Frieden und mehr Ganzheit führt. 

Die Dunkelheit ist eine Zeit der Träume und Visionen. Bewahren Sie sich eine Vision in Ihrem Herzen: Was auch immer es sein mag, das Ihnen größeren Frieden, Verständnis und Mitgefühl bringt. Welches Bild auch immer Sie in Ihrem Herzen bewahren können, vor Ihrem inneren Auge, das Ihnen zu mehr Frieden mehr Liebe verhilft, halten Sie es fest, nähren Sie es. Aus dieser Vision erwächst mehr Frieden für Sie selbst und für die Welt. 

Mögen alle Wesen glücklich, friedvoll und frei von Leid sein.

Copyright Originaltext: Donna Leslie Thomson; Übersetzung: Sabine Bends





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