März 2001
Freude und Leid

Das menschliche Leben ist ein endloses Wechselspiel von Freude und Leid. Es gibt spirituelle Lehren, die postulieren, dass das Leben aus Leiden besteht, dass die Welt ein Tal der Tränen ist. Nun, dem ist sicherlich so. Aber das Leben besteht auch aus großer Freude, und die Welt ist ein Ort des Lachens und des Feierns. Wellen der Freude, Wellen der Sorge. Das Yin-Yang-Symbol der östlichen Traditionen ist ein Kreis, durch dessen Mittelpunkt eine Wellenlinie geht. Die eine Hälfte des Kreises ist schwarz, die andere weiß. In der weißen Hälfte des Kreises ist ein kleiner schwarzer Punkt, in der schwarzen Hälfte ein kleiner weißer.

Jeder Gedanke und jedes Gefühl, das Sie haben, jede Erfahrung, die Sie machen, enthält in sich schon den Samen des Gegenteils. Egal, wie groß Ihre Sorgen sind, in ihnen ist schon der Samen der Freude angelegt, die unvermeidliche Freude, die daraus hervorgehen wird. Und, ja, es stimmt, egal, wie viel Freude wir erfahren – der Samen der Sorgen ist schon darin enthalten.

Setzen Sie sich in meditativer Haltung hin, in der Position, die Ihnen mittlerweile vielleicht schon sehr vertraut ist, die Hände auf den Knien, Handflächen nach oben gerichtet. Atmen Sie ruhig. Legen Sie die Freude in die eine Hand und die Sorgen in die andere. Erlauben Sie Ihrem zentralen Bewusstsein, sich in ein Stadium der Freude zu begeben. Stellen Sie sich Freude, Glücklichsein, pure Lebensfreude vor, wie ein Baby, das nur um der Bewegung willen mit den Beinen strampelt. Es ist keine Freude, die davon abhängt, ob Ihnen etwas Gutes wiederfährt oder Sie irgendetwas erreichen oder jemandes Zustimmung erhalten – es ist einfach nur die Freude am Dasein. Verbringen Sie eine Weile in dieser Freude. Spüren Sie sie, fühlen Sie sie – oder stellen Sie sie sich vor.

Kehren Sie nun zu Ihrem zentralen Bewusstsein zurück, zu Ihrem Herzzentrum. Atmen Sie ruhig. Lassen Sie das Erlebnis der Freude gehen. Fühlen Sie, wie es sich auflöst. Erlauben Sie Ihrem Bewusstsein jetzt, sich in eine Erfahrung des Leids zu begeben – lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die andere Hand. Die Traurigkeit steigt vielleicht wie eine Welle in Ihnen auf, oder es überkommt sie ein Gefühl der Schwere und der Bedrückung. Verweilen Sie einfach mit diesem Gefühl. Ist es Ihr eigener Schmerz, alt oder neu? Ist es Weltschmerz? Welcher Art diese Sorge auch immer sein mag, verweilen Sie mit ihr, und bringen Sie dann Ihr Bewusstsein wieder auf Ihr Herzchakra zurück, zu dieser liebenden Aufmerksamkeit, die sowohl Freude als auch Leid enthält, die inmitten von Freude als auch inmitten von Leid enthalten ist. Dieses Bewusstsein hat das zärtliche Wissen darum, dass keiner dieser beiden Zustände für immer anhalten wird. Freude und Leid kommen und gehen, kommen und gehen, kommen und gehen.

Manchmal erleben wir beide Gefühle zur gleichen Zeit, diese bittersüße Qualität, die nur das menschliche Herz kennt. Dieser bittersüße Mischung aus Freude und Sorge kann uns bei einem bestimmten Musikstück überkommen, einer bestimmten Berührung von einem bestimmten Menschen. Sie kommt in der Dämmerung, bei Sonnenaufgang, in den Tiefen der Nacht, wenn wir alleine sind. Sie überkommt uns beim Lesen eines bestimmten Satzes in einem Buch. Sie kommt zu uns, wenn wir im Zug sitzen und aus dem Fenster, auf die vorbeieilende Landschaft schauen, oder wenn wir eine belebte Straße entlangen gehen oder einen Waldweg. Freude und Sorgen, Sorgen und Freude. Das ist die Natur des menschlichen Lebens.

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Mögen alle Wesen glücklich, friedvoll und frei von Leid sein.

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