Mai & Juni 2003

Die Legende der Wasserfrau

 

Liebe Freunde,

in diesen beiden Monaten widmen wir uns einer sehr alten Legende. Die Version, die Sie hier lesen, ist meine eigene Nacherzählung und hält sich nicht genau an die verschiedenen Originalversionen. Lesen Sie sie, und fühlen Sie die Macht der Legenden und Geschichten. Meditieren Sie darüber; es steht viel darin, worüber es sich zu meditieren lohnt. Liebe Freunde in Luxemburg haben mich mit dieser Geschichte vertraut gemacht, und ich bin ihnen dafür sehr dankbar.

In diesem Frühjahr wünsche ich Ihnen allen Freude am Leben, an der ständigen Erneuerung des Lebens, selbst inmitten des Leides, das in unserer Welt herrscht. Ich wünschen Ihnen Kraft und Mut, Mitgefühl und Bewusstsein, das unsere Welt mehr denn je zuvor braucht...  Donna.

 

Die Legende der Wasserfrau

Diese Geschichte ist eine Interpretation einer alten Legende, die ihren Ursprung in Luxemburg, Deutschland und Frankreich hat, und in der ein oder anderen Form auch in vielen anderen Ländern dieser Welt. Es war einmal eine Zeit, da waren Geist, Tier, Vogel und Erde tief miteinander verbunden, ja sogar regelrecht austauschbar. Es gab Magie im Alltag, und sie war nichts Verbotenes oder Beängstigendes, Esoterisches oder Okkultes. Magie war einfach nur das Stadium, in dem die Menschen lebten. Viele der alten Legenden erzählen von verzauberten Königreichen. Die Erde ist ein verzaubertes Königreich voller Magie. In dem Maße, wie die Menschen das rechte Verhältnis zur Erde verloren, wie sie ihre Augen und Herzen zum fernen Himmel wandten, einem entlegenen Gott, in dem gleichen Maße verloren sie auch den Schlüssel zu dem magischen Königreich. Doch die verzauberten Königreiche existierten noch viele Jahrhunderte lang. Wir erhaschen einen Blick auf sie in den Legenden von Avalon und im Reich der Märchen. Legenden liegen jenseits der Wahrheit und der Fiktion. Sie haben eine Wahrheit, aber es ist nicht das, was wir heute als Wahrheit kennen. Sie erzählen von einer Erfahrung, die einst unsere war, die wir aber nur noch in unseren Träumen, Visionen und Sehnsüchten kennen.

So kommen Sie nun mit mir in eine Welt, die schon immer das verzauberte Königreich war, das im Herzen der materiellen Welt wohnt, und wo wir noch immer Magie erleben dürfen. In den alten Legenden liegt eine große Weisheit: Als die Menschen sich vom Geist, von den Vögeln, den Tieren und der Erde trennten, entwickelten sich Stolz und Arroganz. Dieser Stolz und diese Arroganz haben viel Leid in der Welt hervorgerufen. Wenn wir unsere Verbindung mit dem Geist, den Tieren, Vögeln und der Erde wieder spüren, die Einheit wieder fühlen, dann verlieren wir unsere Arroganz und unseren Stolz. Wir nehmen unseren Platz in der großen Gemeinschaft ein.

 

So hören Sie nun die Geschichte der Wasserfrau.

 

Vor langer Zeit kamen die Menschen, die wir Römer nennen, in das verzauberte Königreich, voller Wälder und Flüssen, verborgen im Nebel. Sie kamen und trugen das Kreuz. Das Kreuz war auch für sie neu, und sie verstanden seine wahre Natur noch nicht, seine tiefe Bedeutung. Deswegen trugen sie es wie ein Schwert. Sie nahmen das Kreuz, das die Botschaft der Liebe und des Friedens überbringen sollte, und machten daraus eine Waffe. Auf ihrem Zug durch die verzauberten Königreiche benutzten sie das Kreuz, um den Geist des Landes zu verbannen, damit sie von dem Land und seinen Menschen besser Besitz ergreifen konnten. Sie erbauten Kirchen an heiligen Orten. Sie stellten Kreuze auf. Die friedliebenden Geister der Bäume und der Quellen, der Flüsse und Seen, selbst die wilden Geister des Windes, der Felsen und des Feuers lernten das Kreuz zu fürchten. Und so geschah es, dass die Landesgeister flohen, wenn sie das Kreuz sahen, tief in die Erde hinein, weit weg von den Menschen. Sie zogen sich in unterirdische Quellen und Höhlen zurück.

 

Und je weiter sie sich zurückzogen, umso mehr Legenden entstanden. Sie müssen verstehen, die Geister der Bäume vermissten ihre Bäume und hörten den Ruf, sich um sie zu kümmern. Die Geister der Quellen und Seen und Flüsse vermissten ihre Quellen, Seen und Flüssen und vernahmen ihren Ruf, zu ihnen zurückzukehren. Deswegen kamen sie in der Nacht. Sie lernten, sich zu verstecken, sich in Acht zu nehmen, wenn sie die Anwesenheit eines Menschen spürten. Vor langer Zeit waren der Geist und die Menschen einmal Gefährten, nun wurden sie Feinde. Die friedlichen Geister, die wilden Geister, sie alle begannen, die Menschen voller Zweifel zu betrachten, und wenn sie das Kreuz sahen, flohen sie in Angst. Die Geister lernten, sich in menschlicher Form zu manifestieren. Auf diese Art war es sicherer für sie, in die Welt zu kommen.

 

Und so geschah es eines Tages, in diesen Zeiten des Wandels, als die Geister sich zurückzogen und die Weltordnung sich wandelte, dass ein Mann, der kein Römer war, sich ihnen aber angeschlossen hatte, mit seinen Soldaten hinausritt. Er war im verzauberten Königreich geboren worden. Seine Leute lebten schon seit Jahrhunderten auf diesem Land. Um seinen Hals trug er zwar das Kreuz, aber tief in seinem Körper trug der die Erinnerung an die alten Götter, die Geister des Landes. Er fühlte das Kreuz schwer an seinen Herzen, als er durch den zeitlosen Wald ritt. Diese Schwere übertrug sich auf ihn. Er wurde müde. Die alte Erinnerung, der alte Traum wurde in ihm wach. „Reitet schon voraus“, befahl er seinen Männern. „Ich werde euch wiederfinden.“

 

Er glitt von seinem Pferd hinunter, und war kaum in der Lage zu stehen. Er ging zu der großen Eiche, am Ufer des Flusses, und stolperte ein bisschen. Er legte sich hin, um zu schlafen. Dieser Mann war der Sohn des Königs, der den Kaiser Konstantinus unterstützte, der König, der dem Kaiser dabei half, die großen Kathedralen zu bauen, die sich hoch über die alten Tempel erhoben, flussabwärts, hinter dem Hügel. Dieser Mann könnte Siegfried geheißen haben. Stellen wir uns einmal vor, es wäre so.  Er schlief und träumte, und in seinem Traum hörte er ein Lied, ein wunderschönes, geheimnisvolles Lied des Geistes. Langsam erwachte er wieder aus seinem Traum.  Er öffnete die Augen und sah die grünen Blätter über sich. Er fühlte die Erde und das Gras unter sich. Er hörte das Plätschern des vorüberziehenden Flusses. Und er merkte, dass er im Klang des Flusses noch das Lied aus seinem Traum vernahm, das durch die Frühlingsluft getragen wurde, leise, zärtlich, einladend. Er setzte sich auf und öffnete die Augen, und sah neben dem Fluss eine junge Frau, dunkelhaarig, ganz in weiß gekleidet, und sie sang dieses liebliche Lied aus seinem Traum, das ihn nicht mehr losließ. Siegfried spürte eine große Sehnsucht in seinem Herzen aufsteigen, und er schloss seinen Augen noch einmal, nur für einen Augenblick.  Als er sie wieder öffnete, war sie fort, und das Lied mit ihr. Hatte er geträumt? Er schüttelte den Kopf, schloss seine Augen und öffnete sie wieder. Sie war nicht da. Und dennoch, so sagte er sich, es war kein Traum... Ich muss sie finden. Wo ist sie?

 

Es war ein Samstag, und so kam er am nächsten Samstag wieder zu dem Fluss. Er kam allein und zu Fuß. Er fühlte, wie seine Augen, sein Herz und sein Verstand wieder schwer und schläfrig wurden, und er fühlte sich, als würde er in den Fluss gezogen. Er legte sich an den Fluss und schlief. Er träumte den gleichen Traum, hörte das gleiche Lied. Er öffnete seine Augen wieder, und da war sie. Die Frau drehte sich um und schaute Siegfried an. Ihre Augen waren von einem dunklen, tiefen Grün, wie das Wasser des Flusses. Sie glitzerte im Licht der Sonne. Sie sang ihr Lied und schaute ihn an. Er ging auf sie zu. Sie sah ihn, hinter ihm die Sonne. Er war golden, seine Augen blau, das Blau des Himmels im Frühling. Er fiel in ihren Gesang mit ein, folgte der Melodie, und sie sangen zusammen, Gold und Silber, Blau und Grün, Dunkelheit und Licht, Frau und Mann, Wasser und Feuer. Er setzte sich neben sie und sie sangen eine lange Weile, bevor sie miteinander sprachen. Er nahm ihre Hand. Sie widersetzte sich ihm nicht. Er fragte sie: „Willst du meine Frau werden?“ Und sie antwortete: „Ja, ich will deine Frau werden.“ Sie gab ihm einen Kuss, einen Kuss voller Süße und Zärtlichkeit, einen Kuss, der eine so tiefe Sehnsucht in ihm weckte, dass er es kaum ertragen konnte, und er begann zu weinen. „Es ist in Ordnung“, sagte sie. Solange wir zusammen sind, kann der Erde kein Unrecht geschehen. Solange wir zusammen sind, wird es den Menschen gut gehen und sie werden in Harmonie miteinander leben, mit sich, mit der Erde und mit dem Himmel. Aus diesem Grund bin ich zu dir gekommen.“

Zwar begriff Siegfrieds Verstand nicht, was sie sagte, doch sein Herz verstand es und war voller Freude. „Aber“, so ließ sie ihn wissen, „Heute ist Samstag. Jeden Samstag, an dem Tag also, da ich zu dir gekommen bin, muss ich dich verlassen. Ich werde mir in deinem Schloss einen Raum einrichten lassen mit einer schweren Tür und einem goldenen Schlüssel. Diesen Schlüssel werde ich immer bei mir tragen. Ich trage ihn um meinen Hals, so wie du dein Kreuz. Solltest du auf irgendeine Art und Weise diese Tür aufbrechen oder herausfinden, was ich in diesem Raum tue, so wird das nicht nur das Ende unserer Ehe sein, sondern es wird auch das Ende von Frieden und Harmonie in unserem Reich sein. Es würde großen Kummer über uns bringen. Eines Tages gebe ich vielleicht den goldenen Schlüssel. Dann lade ich dich zu mir in meinen Raum ein.“

Sie sah ihm tief in die Augen. „Aber erst, wenn du bereit bist, zu verstehen. Und du bis noch nicht bereit.“

Siegfried verbeugte sich vor ihr. „Meine Liebste“, sagte er, „Ich werde tun, was du von mir verlangst. Und ich werde alles tun, was ich kann, um dafür bereit zu sein.“

„Wenn du aufhörst, Krieg zu führen, dann bist du bereit. Wenn du nicht mehr kämpfst, dann bist du bereit.“

Sie zeigte auf das goldene Kreuz um seinen Hals. „Wenn du die wahre Bedeutung davon verstehst, dann bist du bereit.“

Sie zeigte auf seine Rüstung. „Wenn du die ablegst, dann bist du bereit.“

Er lachte laut. „Dann, meine Liebste, musst du dein Zimmer und deinen Schlüssel haben. Ich muss Krieg führen, ich muss das Kreuz tragen, ob ich es nun verstehe oder nicht, und ich muss nicht nur mich, sondern auch andere verteidigen und beschützen.“

„Ja,“ sagte sie, „Ich weiß, und deswegen werde ich den Schlüssel behalten, und ich werde mein Zimmer haben, in das ich mich zurückziehe, und dich deinem Krieg, deinem Kreuz und deiner Rüstung überlasse.“

Sie gab ihm die Hand und sagte: „Ich bin Melusina.“ Gemeinsam verließen sie das Flussufer, und Melusina schaute nicht mehr zurück, nicht ein einziges Mal.

Sie ging mit ihm in die Stadt, wo sie heirateten und sehr glücklich miteinander lebten. Melusina trug den goldenen Schlüssel immer um ihren Hals, als Erinnerung an den Ort, der nur ihr gehörte, an ihr Zuhause, ihr wahres Selbst, das kein Mensch kannte.

Sechs Tage in der Woche teilten sie fast alles miteinander, außer sonntags morgens, wenn es Zeit war, zur Messe zu gehen, in die große steinerne Kathedrale. Denn dorthin ging Melusina nicht. Dem Bischof aus Rom, der ein Freund des Königs war und der großen Einfluss in der Kirche hatte, missfiel dies sehr. Nach einer Weile begann er im Anschluss an die Messe auf Siegfried einzureden. „Was macht sie samstags? Du weißt, dass die Kirche sagt, die Frau muss ihrem Gatten gehorchen. Wie kannst du König sein, wenn dir nicht einmal deine Frau gehorcht? Es ist nicht schicklich. Es ist nicht passend. Vielleicht verlässt sie das Schloss durch eine Geheimtür. Vielleicht trifft sie einen anderen Mann. Vielleicht praktiziert sie irgendeine seltsame Magie hinter dieser verschlossenen Tür.

Und Siegfried begann zu zweifeln, sich zu wundern, er bekam Angst. Eines Tages hielt er es nicht länger aus. In der Tür war ein Schlüsselloch. Melusina machte sich keine Mühe, das Schlüsselloch zu verdecken, denn sie wusste, dass nur Siegfried selbst sein Versprechen halten konnte. Sie konnte ihn nicht vor sich selbst beschützen. Eines samstags erwachte Siegfried aus einem schweren Traum. Wieder hatte er das Lied des Flusses gehört, das geheime Lied, das ihn nicht mehr losließ. Er war noch so benommen vom Alkohol am Abend zuvor und von dem Raunen des Bischofs, der ihn den ganzen Abend bearbeitet hatte, ihn eifersüchtig, ängstlich und stolz gemacht hatte. Er stöhnte und erhob sich von seinem Bett. Melusina war schon lange fort, hinter ihrer verschlossenen Tür. Er zog sich an, und lief in seinem Zimmer auf und ab. Er kämpfte mit sich. Die Stimme des Bischofs wurde immer lauter, er konnte das Lied in seinem Inneren kaum noch hören. Schließlich stieg er in den Keller des Schlosses hinab, von Angst getrieben, von Zweifeln gequält. Er stolperte die Kellertreppe hinunter, argumentierte laut, war unfähig aufzuhören. Er ging bis zu der großen, schweren Tür und kniete sich vor das Schlüsselloch. Was würde er sehen? Welch schandvolle Tat, welch fürchterlicher Betrug würde sich ihm enthüllen? Oh, Melusina, dachte er, warum tust du mir das an? Er dachte nicht daran sich zu fragen, oh Siegfried, warum tust du dir das an?

Sofort bestätigten sich seine schlimmsten Befürchtungen. Der Raum war mit Bildern von Fischen, Wasser und Wellen bemalt, mit Delphinen und Walen, der See und Seehunden. In der Mitte des Raumes war ein tiefer Brunnen, und das Wasser blubberte aus dem Brunnen heraus und lief in den Raum. Seine Frau Melusina badete im fließenden Wasser. Er sah ihren wunderschönen Körper, der ihm so vertraut war, aber da sah er im Wasser die grünen, glitzernden Schuppen einer Wasserschlange. Melusina hatte keine Beine. Die Schuppen ihres Schlangenkörpers glänzten und das Licht blendete ihn. Aus ihrem Rücken wuchsen große, weiße Schwingen aus Licht.

Stellen Sie sich das Bild vor: Melusina treibt im Wasser, ihre Flügel ausgebreitet und voller Licht, ihr Schlangenkörper bewegt sich im Wasser. Sie fühlt seine Anwesenheit. Ganz langsam dreht sie ihren Kopf zu ihm und schaut direkt auf das Schlüsselloch. Er kann den goldenen Schlüssel um ihren Hals sehen. Sie sagt nichts. Sie macht kein Geräusch. Sie schaut ihn lange an. Er bleibt an der Tür stehen, völlig unfähig, sich zu regen. Eine große Träne rinnt ihre Wange herab. Sie streckt ihre Flügel aus und erhebt sich aus dem Wasser. Er ist überwältigt von ihrer Schönheit, ihrem Licht, der Macht ihrer Präsenz.

Sie neigt ihren Kopf und faltet ihre Flügel. Sie wendet sich von ihm ab und verschwindet langsam im Wasser, im Brunnen, aus seinem Gesichtsfeld. Das Letzte, was er von ihr sah, war ihr langer, grüner Schwanz, der kurz aus dem Wasser ragte. Dann verschwand auch er.

Weg war sie, verschwunden im Brunnen, in der Quelle unter der Erde, weg von der Welt  der Menschen, zurück zur Welt des Geistes, in die Welt der Legende, jenseits von Zeit und Raum.

Siegfried stand auf es packte ihn eine große Wut. Er warf sich gegen die Tür und schaffte es in seiner Rage, sie aufzubrechen. Als er jedoch in den Raum kam, war da nichts, keine Bilder an den Wänden, keine Melusina, noch nicht einmal ein Raum. Nur ein blubbernder Quell, am Rande eines Abgrundes. Er warf sich neben der Quelle nieder und rief ihren Namen. Sein Ruf hallte in der Stille wider. Für einen Augenblick hörte er ihr Lied, ganz leise. Aber dann war da nur noch Stille. Sie war fort.

Sie kam nie wieder zurück. Er hatte sein Versprechen gebrochen, ihr Vertrauen missbraucht. Er brachte sich selbst, ihr und dem Land großen Kummer. Die Kriege nahmen zu, die Bauern waren an das Land gebunden, Hexen wurden verbrannt, es gab viele Krankheiten und Plagen. Sie nahm den goldenen Schlüssel mit, der ihm gegeben worden wäre, wenn er dazu bereit gewesen wäre, wenn er seine Rüstung abgelegt hätte, wenn er den Krieg aufgeben würde, wenn er die wahre Bedeutung des Kreuzes verstünde.

Der Bischof kam zu Siegfried, und Siegfried hört ihm in seiner Wut und seinem Kummer zu. Du siehst, sagte dieser, du darfst künftig nur noch eine Frau heiraten, die auch das Kreuz trägt. Ab sofort darfst du nicht mehr gestatten, dass deine Frau einen Raum für sich hat. Ab jetzt muss dir deine Frau gehorchen. In seiner Wut und seinem Kummer stimmte ihm Siegfried zu. Aber dennoch erwachte er alle sieben Jahre an einem Samstag im Frühling, und hörte Melusinas Lied beim Fluss, den Gesang Melusinas am Fluss.

Die Legende sagt, dass sie alle sieben Jahre auftaucht, aus den Tiefen emporsteigt und ihr Lied aus dem alten Brunnen entspringt. Sie kommt, um zu sehen, ob Siegfried vielleicht endlich bereit ist, ob er dem Krieg und den Waffen abgedankt hat und die wahre Bedeutung des Kreuzes verstanden hat, das er trägt. Alle sieben Jahre taucht sie wieder auf und sehnt sich nach der Zeit, in der sie wieder in Harmonie zusammenleben können, der Mensch und der Geist, in Frieden. Sie erscheint wieder und wieder, und immer noch ist er nicht soweit.

Eines Tages wird ein junger Mann aus der Stadt kommen, der ihr Lied hört. Eines Tages wird ein junger Mann aus der Stadt kommen und die wahre Bedeutung des Kreuzes verstehen, das er trägt, die Botschaft der Liebe und des Friedens verstehen. Eines Tages wird ein junger Mann aus der Stadt kommen, ohne Waffen. Eines Tages wird ein junger Mann aus der Stadt kommen, der dem Krieg abgeschworen hat, und sie wird ihn küssen, und mit diesem Kuss wird sie ihm den goldenen Schlüssel überreichen, so dass er die Tür öffnen kann, hinter der ihr Geist lebt, und er sie in ihrer vollen Schönheit und Macht sieht. Und dann, wenn sie wieder vereint sind, wird die illusorische Stadt, die auf dem Fundament von Angst und Gier erbaut wurde, verschwinden, und die wahre Stadt, gebaut auf dem Fundament der Liebe, der Weisheit und Einheit, wird dort entstehen.

So hieß es, und so heißt es jetzt erneut. Mögen alle Wesen in Frieden und Harmonie miteinander leben, in der wahren Welt der Liebe, Weisheit und Einheit.

Copyright 2003 by Donna Leslie Thomson, Copyright der Übersetzung ins Deutsche Sabine Bends