![]() |
November
2001
|
|
Trauern für die Welt Dies ist eine Zeit großer Trauer. In den USA werden wir aufgefordert, unser
Alltagsleben wiederaufzunehmen, und natürlich müssen wir das auch. Und
dennoch, Tausende von Menschen sind gestorben, und es werden noch
Abertausende sterben. Wie passt das in unser "normales" Leben?
Wenn Bomben fallen und der endlose Teufelkreis von Krieg und Zerstörung
weitergeht, wie reagiert man dann darauf? Wir leben in einer Zeit, in der
wir uns Zeit zum Trauern nehmen sollten, Zeit, um die Geschehnisse zu
verfolgen, um das Leid in der Welt zu beweinen und dafür zu beten, dass
aus unseren Tränen eine Vision in unserem Herzen entsteht, ein Wissen um
unseren Weg und seine Verwirklichung. Wir sollten unser Versprechen
erneuern, mehr Frieden und mehr Liebe in diese Welt zu bringen, auch wenn
es uns als ein hoffnungsloses Unterfangen erscheinen mag und es uns möglicherweise
schwer fällt, dieses Versprechen wirklich umzusetzen. Vergänglichkeit (Anicca) Eine der wichtigsten Lehren der Buddhistischen Tradition, das Buddhistische
Dharma, besagt, dass alles vergänglich ist. Nichts dauert ewig. Es gibt
nichts, woran wir uns festhalten können, keine Form, die Sicherheit oder
einen ewigen Hafen bieten würde. Das Universum befindet sich in einem
Zustand der ständigen Veränderung, des Flusses. Alle Phänomene
entstehen, bleiben für einen bestimmten Zeitraum bestehen und kehren dann
wieder zur ursprünglichen Energie zurück, zur großen Einheit, aus der
sie entstanden sind. Die Wahrheit der Vergänglichkeit, die Wahrheit
Aniccas (dem traditionellen Sanskrit-Begriff), ist etwas, das wir
anerkennen müssen, wenn wir unsere wahre Natur erkennen wollen, wenn wir
die Natur des Universums verstehen möchten. Es heißt, der Buddha habe vorhergesagt, dass sich seine Lehren nach
seinem Tod 1.000 Jahre lang verbreiten und dann allmählich in
Vergessenheit geraten würden. Dass es jedoch 2.500 Jahre nach seinem Tod
wiederum eine Zeit geben würde, die in beispielloser Art und Weise die
Gelegenheit böte, die Wahrheit des Buddha Dharma zu verstehen, und so die
wahre Natur des Selbst, der Welt und des Universum zu erfahren. Viele
Menschen glauben, dass wir uns jetzt in dieser Zeit befinden. Und wenn wir über die Weltereignisse nachdenken, dann stellen wir
fest, dass sie wirklich die Gelegenheit bieten, die Wahrheit der Vergänglichkeit
zu erfahren. Viele Menschen haben Angst, weil sie ein nie dagewesenes Gefühl
von Unsicherheit verspüren. Sie spüren das Unbekannte im vertrauten
Alltag. Die Wahrheit der Vergänglichkeit ist heute für viele Menschen
realer als jemals zuvor. Viele Amerikaner erleben sie zum ersten Mal.
Millionen von Menschen in anderen Teilen der Erde – und natürlich auch
viele Amerikaner in der Vergangenheit und Gegenwart -
leben schon seit sie denken können mit diesem Gefühl von
Unsicherheit und dem Element des Unbekannten in ihrem Leben. Man kann diesen Augenblick in der Geschichte Amerikas auch mit einem
bestimmten Zeitpunkt im Leben Buddhas vergleichen. Als Buddha geboren
wurde, sagte ihm ein Weiser voraus, dass er entweder ein großer König
oder ein großer Weiser werden würde. Buddhas Vater, ein König, wollte
aus seinem Sohn einen König machen und tat deshalb alles, um ihn von den
Einflüssen fernzuhalten, die ihn auf einen spirituellen Pfad führen könnten.
Es heißt, dass Buddha in großem Luxus aufwuchs und in einem extrem behüteten
Umfeld. Er durfte den Palast nicht verlassen, damit er das Leid und Elend
des Lebens um ihn herum nicht zu sehen bekam. Bis er erwachsen war, führte
er das Leben eines Privilegierten, in völliger Isolation. Eines Tages
befahl er seinem Träger, ihn über die Grenzen des Palastes zu
hinauszutragen. Bei drei verschiedenen Ausflügen in die Welt außerhalb
des Palastes bekam er einen Kranken, einen alten Menschen und einen
Sterbenden zu sehen, und erfuhr die Wahrheit des Leidens. Der Anblick
dieser drei Menschen berührte ihn tief, und er konnte nicht länger im
Luxus und in der Abgeschiedenheit seines Palastes leben. Auf seinem
vierten Erkundungsgang nach draußen in die Welt sah er einen heiligen
Mann, der in die Meditation vertieft war, und schon befand er sich auf
seinem Weg der spirituellen Suche. Vielleicht wäre der Anblick des Leides nicht so ein großer Schock für ihn
gewesen, wenn er damit groß geworden wäre, und er hätte infolgedessen
nicht sein bisheriges Leben aufgegeben. Erst der Kontrast zwischen seinem
privilegierten Dasein hinter den Palastmauern und dem Leid, das er in der
Welt erlebte, führt ihn zu seiner spirituellen Suche nach Erleuchtung und
zu seinem letztendlichen Erwachen. Die Burgmauern der USA sind verletzt; die Wahrheit des Leidens landet an
unseren Heimatufern, auf eine Art und Weise, die wir nicht ignorieren können.
Und wenn wir achtsam sind, werden wir uns auch des Leidens jenseits
unserer Heimat bewusster. Und wir haben wieder einmal die Wahl. Die
Unsicherheit dieser Zeiten – die Bedrohung und das Leid – können
entweder dazu führen, dass wir uns zurückziehen, voller Depression,
Angst, Wut und Aggression. Oder sie können dazu führen, dass wir die
Grundlagen unseres Lebens hinterfragen. Sie können uns tiefer zu der
Frage führen: "Was ist der Sinn meines Lebens, unser aller Leben
hier auf dieser Erde?" Sie können uns weiter und tiefer auf den Pfad
unserer spirituellen Suche führen, zu größerem Erwachen und mehr Verständnis.
Sie können ein höheres Bewusstsein für das Leid in uns wecken, das wir
jetzt mit vielen Menschen in der Welt teilen. Das Leid, das durch Gier,
Wut und Unwissenheit erzeugt wird. All das kann in uns das Versprechen
wachrufen, das wir diesen Kräften in uns selbst und in der Welt auf jede
erdenkliche Art und Weise begegnen möchten. Es kann tiefes Mitgefühl in
uns wecken, den Wunsch zu helfen und unseren eigenen Weg zu finden, um
Leiden zu lindern. Es gibt eine Gehmeditation, die in einigen Ländern Südostasiens
praktiziert wird, bei der Menschen einen Fußweg auf- und abschreiten. Während
man den Fuß auf den Boden setzt, wird einem bewusst, wie es sich anfühlt,
wenn der Fuß den Boden berührt. Wenn man den Fuß wieder vom Boden
abhebt, erfährt man, wie es ist, wenn dieses Gefühl nachlässt. Mit dem
Auftreten kommt eine Empfindung in uns auf, mit dem Anheben verschwindet
diese Empfindung. Beim Gehen atmen wir ein und aus und werden uns unseres
Atems bewusst. Wir werden uns bewusst, dass auch der Atem kommt und geht.
Dieser konstante Fluss von Entstehen, Verweilen und Vergehen bildet die
Grundlage aller Phänomene des Lebens. Die tiefe Erfahrung dieser Tatsache
und ihre Akzeptanz erfüllt uns mit mehr Ruhe und Frieden in Zeiten des
Aufruhrs, stimmt uns auf die ewigen Rhythmen von Veränderung, Loslassen
und Weitergehen ein. In solchen Zeiten tut im Allgemeinen jeder von uns, was er tun kann, um sich
selbst und seine Lieben zu schützen. Man fährt mit dem Leben fort,
vielleicht mit einem neuen und tieferen Empfinden für das Wesentliche.
Und man hat mehr Achtung für den Augenblick und spürt den Wert eines
jeden Moments. Gemäß der buddhistischen Lehre befand sich am Ende des
Weges, den man bei der Gehmeditation beschritt, ein Skelett. Dieses hatte
den Sinn, die Menschen an ihre eigene Vergänglichkeit zu erinnern.
Zurzeit brauchen wir dieses Skelett nicht. Wir sind uns unserer Vergänglichkeit
zur Genüge bewusst. Inmitten unseres Lebens fühlen wir die Möglichkeit
des Todes, inmitten des Todes spüren wir die Möglichkeit für neues
Leben. Das Flüstern – oder auch der Schrei – von Anicca durchzieht
jeden Augenblick, den wir erleben. Es öffnet unser Herz, wenn wir ihm
lauschen. Mögen alle Wesen glücklich, friedvoll und frei von Leid sein. "Bei Gewaltlosigkeit geht es darum, selbst zu der Veränderung zu
werden, die wir in der Welt gern sehen möchten." Gandhi |