November 2001
Trauern für die Welt    -   Vergänglichkeit (Anicca)

 

 

Trauern für die Welt 

Dies ist eine Zeit großer Trauer. In den USA werden wir aufgefordert, unser Alltagsleben wiederaufzunehmen, und natürlich müssen wir das auch. Und dennoch, Tausende von Menschen sind gestorben, und es werden noch Abertausende sterben. Wie passt das in unser "normales" Leben? Wenn Bomben fallen und der endlose Teufelkreis von Krieg und Zerstörung weitergeht, wie reagiert man dann darauf? Wir leben in einer Zeit, in der wir uns Zeit zum Trauern nehmen sollten, Zeit, um die Geschehnisse zu verfolgen, um das Leid in der Welt zu beweinen und dafür zu beten, dass aus unseren Tränen eine Vision in unserem Herzen entsteht, ein Wissen um unseren Weg und seine Verwirklichung. Wir sollten unser Versprechen erneuern, mehr Frieden und mehr Liebe in diese Welt zu bringen, auch wenn es uns als ein hoffnungsloses Unterfangen erscheinen mag und es uns möglicherweise schwer fällt, dieses Versprechen wirklich umzusetzen.

 In der Lehre des tibetischen Buddhismus gibt es eine Geschichte von Tara, der großen Bodhisattva (ein weises Wesen), die das Gelöbnis abgelegt hatte, immer wieder in weiblicher Form wiedergeboren zu werden und alle fühlenden Wesen zu beschützen, die ein offenes Ohr für das Wehklagen der Welt haben. Es heißt, dass sie aus den Tränen von Chenrezi geboren wurde, einem anderen großen Bodhisattva des Mitgefühls, als dieser sich vom Leid der Welt überwältigt fühlte. Was entsteht aus unseren Tränen? Tara, die mächtige Energie des Mitgefühls, des Nährens, der Fürsorge und des Schutzes. Was bringen unsere Tränen hervor? Die Anwesenheit Taras in unserem eigenen Herzen, Anteilnahme, die Suche nach friedlichen Wegen, danach, Lebensschutz und Nahrung in eine Welt zu bringen, in der so viele Kräfte sich für die Zerstörung entscheiden. Tara kommt in vielen Formen zu uns. Sie lebt in den Helfern für Afghanistan und in denen, die die Hinterbliebenen der Terrorattentate in New York unterstützen. Sie lebt in allen Müttern, die ihre verängstigten Kinder beruhigen. Sie lebt in den Stimmen, die nach Einhalt von Aggression und Gewalt rufen. Sie lebt, wenn wir sie anrufen. Sie hat viele Namen: Tara, Kuan Yin, Maria, Große Göttliche Mutter. Sie lebt unter deinem Namen; sie wohnt in deinem Herzen, in deinen Tränen.

 Vergänglichkeit (Anicca) 

Eine der wichtigsten Lehren der Buddhistischen Tradition, das Buddhistische Dharma, besagt, dass alles vergänglich ist. Nichts dauert ewig. Es gibt nichts, woran wir uns festhalten können, keine Form, die Sicherheit oder einen ewigen Hafen bieten würde. Das Universum befindet sich in einem Zustand der ständigen Veränderung, des Flusses. Alle Phänomene entstehen, bleiben für einen bestimmten Zeitraum bestehen und kehren dann wieder zur ursprünglichen Energie zurück, zur großen Einheit, aus der sie entstanden sind. Die Wahrheit der Vergänglichkeit, die Wahrheit Aniccas (dem traditionellen Sanskrit-Begriff), ist etwas, das wir anerkennen müssen, wenn wir unsere wahre Natur erkennen wollen, wenn wir die Natur des Universums verstehen möchten.

Es heißt, der Buddha habe vorhergesagt, dass sich seine Lehren nach seinem Tod 1.000 Jahre lang verbreiten und dann allmählich in Vergessenheit geraten würden. Dass es jedoch 2.500 Jahre nach seinem Tod wiederum eine Zeit geben würde, die in beispielloser Art und Weise die Gelegenheit böte, die Wahrheit des Buddha Dharma zu verstehen, und so die wahre Natur des Selbst, der Welt und des Universum zu erfahren. Viele Menschen glauben, dass wir uns jetzt in dieser Zeit befinden.

Und wenn wir über die Weltereignisse nachdenken, dann stellen wir fest, dass sie wirklich die Gelegenheit bieten, die Wahrheit der Vergänglichkeit zu erfahren. Viele Menschen haben Angst, weil sie ein nie dagewesenes Gefühl von Unsicherheit verspüren. Sie spüren das Unbekannte im vertrauten Alltag. Die Wahrheit der Vergänglichkeit ist heute für viele Menschen realer als jemals zuvor. Viele Amerikaner erleben sie zum ersten Mal. Millionen von Menschen in anderen Teilen der Erde – und natürlich auch viele Amerikaner in der Vergangenheit und Gegenwart -  leben schon seit sie denken können mit diesem Gefühl von Unsicherheit und dem Element des Unbekannten in ihrem Leben.

 Man kann diesen Augenblick in der Geschichte Amerikas auch mit einem bestimmten Zeitpunkt im Leben Buddhas vergleichen. Als Buddha geboren wurde, sagte ihm ein Weiser voraus, dass er entweder ein großer König oder ein großer Weiser werden würde. Buddhas Vater, ein König, wollte aus seinem Sohn einen König machen und tat deshalb alles, um ihn von den Einflüssen fernzuhalten, die ihn auf einen spirituellen Pfad führen könnten. Es heißt, dass Buddha in großem Luxus aufwuchs und in einem extrem behüteten Umfeld. Er durfte den Palast nicht verlassen, damit er das Leid und Elend des Lebens um ihn herum nicht zu sehen bekam. Bis er erwachsen war, führte er das Leben eines Privilegierten, in völliger Isolation. Eines Tages befahl er seinem Träger, ihn über die Grenzen des Palastes zu hinauszutragen. Bei drei verschiedenen Ausflügen in die Welt außerhalb des Palastes bekam er einen Kranken, einen alten Menschen und einen Sterbenden zu sehen, und erfuhr die Wahrheit des Leidens. Der Anblick dieser drei Menschen berührte ihn tief, und er konnte nicht länger im Luxus und in der Abgeschiedenheit seines Palastes leben. Auf seinem vierten Erkundungsgang nach draußen in die Welt sah er einen heiligen Mann, der in die Meditation vertieft war, und schon befand er sich auf seinem Weg der spirituellen Suche.

Vielleicht wäre der Anblick des Leides nicht so ein großer Schock für ihn gewesen, wenn er damit groß geworden wäre, und er hätte infolgedessen nicht sein bisheriges Leben aufgegeben. Erst der Kontrast zwischen seinem privilegierten Dasein hinter den Palastmauern und dem Leid, das er in der Welt erlebte, führt ihn zu seiner spirituellen Suche nach Erleuchtung und zu seinem letztendlichen Erwachen.

Die Burgmauern der USA sind verletzt; die Wahrheit des Leidens landet an unseren Heimatufern, auf eine Art und Weise, die wir nicht ignorieren können. Und wenn wir achtsam sind, werden wir uns auch des Leidens jenseits unserer Heimat bewusster. Und wir haben wieder einmal die Wahl. Die Unsicherheit dieser Zeiten – die Bedrohung und das Leid – können entweder dazu führen, dass wir uns zurückziehen, voller Depression, Angst, Wut und Aggression. Oder sie können dazu führen, dass wir die Grundlagen unseres Lebens hinterfragen. Sie können uns tiefer zu der Frage führen: "Was ist der Sinn meines Lebens, unser aller Leben hier auf dieser Erde?" Sie können uns weiter und tiefer auf den Pfad unserer spirituellen Suche führen, zu größerem Erwachen und mehr Verständnis. Sie können ein höheres Bewusstsein für das Leid in uns wecken, das wir jetzt mit vielen Menschen in der Welt teilen. Das Leid, das durch Gier, Wut und Unwissenheit erzeugt wird. All das kann in uns das Versprechen wachrufen, das wir diesen Kräften in uns selbst und in der Welt auf jede erdenkliche Art und Weise begegnen möchten. Es kann tiefes Mitgefühl in uns wecken, den Wunsch zu helfen und unseren eigenen Weg zu finden, um Leiden zu lindern. 

Es gibt eine Gehmeditation, die in einigen Ländern Südostasiens praktiziert wird, bei der Menschen einen Fußweg auf- und abschreiten. Während man den Fuß auf den Boden setzt, wird einem bewusst, wie es sich anfühlt, wenn der Fuß den Boden berührt. Wenn man den Fuß wieder vom Boden abhebt, erfährt man, wie es ist, wenn dieses Gefühl nachlässt. Mit dem Auftreten kommt eine Empfindung in uns auf, mit dem Anheben verschwindet diese Empfindung. Beim Gehen atmen wir ein und aus und werden uns unseres Atems bewusst. Wir werden uns bewusst, dass auch der Atem kommt und geht. Dieser konstante Fluss von Entstehen, Verweilen und Vergehen bildet die Grundlage aller Phänomene des Lebens. Die tiefe Erfahrung dieser Tatsache und ihre Akzeptanz erfüllt uns mit mehr Ruhe und Frieden in Zeiten des Aufruhrs, stimmt uns auf die ewigen Rhythmen von Veränderung, Loslassen und Weitergehen ein. 

In solchen Zeiten tut im Allgemeinen jeder von uns, was er tun kann, um sich selbst und seine Lieben zu schützen. Man fährt mit dem Leben fort, vielleicht mit einem neuen und tieferen Empfinden für das Wesentliche. Und man hat mehr Achtung für den Augenblick und spürt den Wert eines jeden Moments. Gemäß der buddhistischen Lehre befand sich am Ende des Weges, den man bei der Gehmeditation beschritt, ein Skelett. Dieses hatte den Sinn, die Menschen an ihre eigene Vergänglichkeit zu erinnern. Zurzeit brauchen wir dieses Skelett nicht. Wir sind uns unserer Vergänglichkeit zur Genüge bewusst. Inmitten unseres Lebens fühlen wir die Möglichkeit des Todes, inmitten des Todes spüren wir die Möglichkeit für neues Leben. Das Flüstern – oder auch der Schrei – von Anicca durchzieht jeden Augenblick, den wir erleben. Es öffnet unser Herz, wenn wir ihm lauschen.  

Mögen alle Wesen glücklich, friedvoll und frei von Leid sein.

 

 "Bei Gewaltlosigkeit geht es darum, selbst zu der Veränderung zu werden, die wir in der Welt gern sehen möchten."

Gandhi

 



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