Nachrichten des Höheren Bewusstseins


Liebe Freunde,

Geschichten sind etwas Wunderbares und haben eine große Macht. Hier ist eine Geschichte für diese Zeit, in der wir alle danach Ausschau halten, was wir tun können, gern mehr tun möchten und uns doch fragen, was das sein könnte. Was ist genug? Wo liegt unser Betätigungsfeld? Wie können wir helfen? Ist es jemals ausreichend? Kann überhaupt irgendetwas die Welt wirklich verändern? Das sind unsere Fragen, auf die wir keine Antworten erhalten. Diese Geschichte gibt auch keine Antwort darauf, doch sie ermutigt uns, ist eine Metapher der Hoffnung.

Ich erzähle hier eine der Jataka-Geschichten nach. Das sind die traditionellen Geschichte aus Buddhas Leben bevor er ein Buddha wurde. All die Leben auf seinem Weg zum Buddha, in denen er sich selbst im Dienste an anderen Wesen hingab. Viele davon sind Leben im Reich der Tiere, und wir werden durch sie daran erinnert, was für wertvolle Lehrer die Tiere und Pflanzen für uns Menschen sind. In dieser Geschichte geht es um einen tapferen kleinen Papagei. Zwei wunderschöne Varianten dieser Geschichte werden von meinem Freund Rafe Martin, Geschichtenerzähler und Autor für Kinder und Erwachsene, erzählt. Eins ist ein sehr schön illustriertes Kinderbuch aus dem Putnam-Verlag ("The Brave Little Parrot), und das andere ist eine Sammlung traditioneller Jataka-Geschichten, die Rafe in seinem Buch "The Hungry Tigress" nacherzählt, das bei der Yellow Moon Press erschienen ist.

 

Der tapfere kleine Papagei

(Stell dir jetzt einen Ort vor, ganz weit weg und doch direkt hier, einen Ort, der real ist und doch nicht existiert, der immer und nirgendwo ist, der Wald, der Garten, der Ort, an dem alles begann, das lichte Reich des grünen Waldes und dunklen Flusses, das wir fast noch kennen, der Ort, den du aus deinen tiefen Träumen kennst.)

Dort in einem solchen Wald lebte einmal und tut es vielleicht jetzt noch, ein blaues Papageienweibchen ganz allein. Sie ist glücklich in ihrer Abgeschiedenheit, denn in Wirklichkeit ist sie niemals allein. Da ist der Himmel, ihr Begleiter und ihr Spiegel, der die gleiche Farbe hat wie sie selbst, in dem sie verschwindet und aus dem sie immer wieder auftaucht, Tag für Tag. Nachts sind da unzählige Äste, auf denen sie Platz nehmen und sich zu Hause fühlen kann. Unter dem Sternendach steckt sie ihr Köpfchen unter ihren Flügel und schläft. Vom Himmel und von den Ästen herab beobachtet sie Löwen und Tiger, Mäuse und Elefanten, Schlangen und Schnecken. Sie sieht zu, wie die Pflanzen wachsen, die Blumen erblühen, die Früchte herabfallen und die Flüsse fließen.

Sie liebt ihren Wald so sehr wie ihr Leben, denn er ist ihr Leben. Sie kann sich nicht getrennt von dem Wald sehen. Seine Geräusche sind ihre Geräusche, seine Rhythmen sind der Schlag ihres Flügels. Sein Atem ist ihrer.

(Frage dich nun, ob das auch auf dich zutrifft? Kannst du dich getrennt von der Welt sehen, in der du lebst? Fließen die Flüsse mit deinem Blut, bewegen sich die Flügel der Vögel im Takt mit deinem Herzschlag, bist du für immer mit den Ästen der Bäume verbunden, kannst du dich über dich selbst hinaus bewegen?)

An einem Sommertag fliegt sie aus dem blauen Himmel heraus, landet auf einem der hohen Äste über dem Fluss und verspürt eine plötzliche Furcht. Ihre Haut, ihre Knochen und Federn erbeben und werden von einer schrecklichen Gewissheit erschüttert. Schnell fliegt sie los, getragen von dem trockenen, heißen Wind, getrieben von ihrer drängenden Intuition. Und ja, als sie über den Wald fliegt, sieht sie es, eine dunkle Rauchsäule, die aus den Tiefen des Waldes aufsteigt. Und sie fliegt hinein, durch den Rauch und in die Flammen. Doch es ist zu heiß, zu brennend, und schnell fliegt sie wieder nach oben. Vogelschwärme fliegen an ihr vorbei und sie sagen ihr durch den Rauch: Flieg, sagen sie, da ist nichts, was du noch tun kannst, rette dich, komm mit uns.

Sie widersteht dem Drang und bleibt unentschlossen in der Luft stehen. Sie erhascht kurze Blicke auf ihre Freunde, die Elephanten und Tiger, die Schlangen und die Mäuse, die zum Fluss eilen, die verzweifelt um ihr Leben kämpfen, verrückt vor Angst, die völlig außer Atem rennen, in der Hoffnung, dem Feuer zu entkommen, das sie verfolgt und die Bäume verzehrt, die ihr Zuhause sind, ihre Heimat, ihr Nest. Sie bleibt in der Luft stehen, hin und her gerissen zwischen Angst und Liebe, unfähig sich irgendwohin zu bewegen. Das kleine Papageienweibchen hängt in der Luft und ihre Flügel schlagen im Rhythmus mit dem Tempo unter ihr, wo jeder verzweifelt und verrückt um sein Leben läuft.

(Stell dir nun vor, wie auf der anderen Seite der Welt vielleicht Krieg herrscht, Kinder sterben und Feuersbrunsten wüten. Die Flammen erlöschen niemals ganz, ob es nun auf der anderen Seite der Erde ist, in deiner Nachbarschaft, vor hundert Jahren oder genau jetzt. Kennst du das Gefühl des kleinen blauen Papageis auch in dir selbst? Das Gefühl von Stillstand, Hilflosigkeit, das Gefühl, helfen zu wollen und zwischen Liebe und Angst hin und her gerissen zu sein? Spürst du den Drang, dich an einen sicheren Ort zu retten, weit weg vom Feuer, fragst du dich, wo das sein könnte und sehnst du dich danach? Und da du weißt, dass du so eng mit deiner Welt verbunden ist, wohin könntest du da gehen?)

Sie erhebt sich für einen Augenblick über den Rauch, in den weiten, blauen, leeren Himmel, voller Licht. In der Stille und dem Frieden beobachtet sie den Wald. Es ist der Augenblick der Entscheidung. Was kann sie tun? Ihre Angst hindert sie daran, wieder hinunterzufliegen, ihre Liebe lässt es nicht zu wegzufliegen.

Weit weg, sich dem Horizont entgegenwindend sieht sie das Glitzern des Flusses durch den Rauch, den Fluss, der zum Meer führt, der Fluss, aus dem die Tiere trinken, wo sie baden und spielen. Zu diesem Fluss rennen sie nun mit ihrem letzten Atem und ihrer letzten Kraft, während der Wald brennt. Das kleine Papageienweibchen fühlt Hoffnung in sich aufsteigen und lässt sich vom Fluss anziehen. Sie hält nicht inne, um nachzudenken. Sie weiß nur, dort gibt es Wasser. Sie wird vom Wind nach unten getragen, in den Fluss, taucht tief und fliegt wieder hoch hinaus, zurück über das Feuer, tief, so tief wie sie nur kann, direkt in das Herz des Feuers hinein und schüttelt die Wassertropfen aus ihren Federn, von ihrem Körper. Sie schaut den kleinen silbernen Tropfen voller Licht zu, wie sie in die großen Flammen fallen. Es zischt noch nicht einmal, es passiert gar nichts. Das Wasser wird verzehrt, das Feuer brennt weiter, ungestört, unaufhaltsam.

(Frage dich nun: Wo ist dein Himmel? Wo findest du Frieden, Stille, Raum und die Zeit nachzudenken? Wie erhebst du dich über den Rauch und die Flammen, die Unruhe und das Chaos und spürst dich selbst, deine Richtung, deinen Weg? Wo ist dein Fluss? Wo berührst du die Quelle deines Seins, das, was dir Leben und Energie bringt? Wie teilst du es mit anderen? Scheint dir das, was du mit anderen teilst, so wenig zu sein, nicht genügend, niemals ausreichend? Kennst du das Gefühl des kleinen Papageis, wie er nach unten schaut und sieht, wie seine kleinen Wassertropfen in dem riesigen Feuer untergehen?)

Doch das Papageienweibchen macht weiter, den ganzen Tag und die ganze Nacht lang, die ganze Nacht und den ganzen Tag, ein kleiner blauer Vogel in einem grauen, raucherfüllten Himmel. Das Feuer wütet immer noch und sie fliegt immer noch, in den Fluss und wieder nach oben, eine Ewigkeit lang.

Von noch weiter oben, so geht die Geschichte, schauen ihr die Götter und Göttinnen zu. Sie beobachten, wie sich das Drama entwickelt. Sie schließen Wetten ab. Sie wird bald aufgeben, sagt ein Gott. Was soll das schon nützen, sagt ein anderer. Dummer Vogel.

Abseits von allen steht die Göttin des Flusses. Auch sie schaut zu. Götter und Göttinnen weinen nicht, doch schließlich weint sie. Eine riesige Träne, größer als die Erde, größer als der Himmel, größer als alles außer dem Herzen des kleinen blauen Vogels fällt aus ihrem göttlichen Auge, vom Himmel herab durch alle Himmel. Sie seufzt, ein endloser Seufzer, ein Atemzug, der hinter der Träne herabfällt, sie auffängt und sie direkt zum Wald trägt, direkt zum Feuer.

Um den kleinen Papageien herum zieht sich ein Sturm zusammen, die Wolken verdunkeln sich und der Wind wird stärker. Die Träne der Göttin wird zu Tausenden, zu Hunderttausenden, zu Milliarden von Regentropfen, die herniederprasseln, große Wellen von Wasser, die von oben herabfallen.

Der kleine Papagei ist zu erschöpft, um in Freude auszubrechen. Sie fliegt wieder ganz nach oben, über den Sturm, lässt sich im Wind treiben und schaut, was passiert. Und dann ist es so weit. Die Wolken klären sich, das Feuer ist verlöscht.

Sie fliegt wieder hinab, in den geschwärzten Wald und findet ihren Lieblingsast. Er raucht noch ein bisschen. Sie landet und schaut durch den Wust von verbrannten Ästen, durch den skelettartigen Wald, zu dem Regenbogen, der sich über den Fluss spannt. Und schon fühlt sie, wie das Lied des Waldes zurückkehrt.

Gleich wird auch sie wieder singen.

(Mach dir nun klar, dass alles zählt, auf eine mysteriöse und nicht zu ergründende Art und Weise, jeder kleine Tropfen Wasser, jede Tat voller Mitgefühl, jeder Moment des Bewusstseins, jede gute Absicht, die Frieden anstrebt, in deinem Leben, hier, jetzt. Frage dich, wie oft du Zerstörung und Neuerschaffung gesehen hast, Tod und Wiedergeburt? Wie viele Male hast du dich der Aufgabe gewidmet, Leben zu bringen, Licht, Liebe? Gibt dir das ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit oder ein Gefühl von Sinn? Das Feuer kommt, der Regen fällt. Der kleine Papagei fliegt in den Himmel, taucht in den Fluss ein, schüttelt ihre Federn. Das Feuer verlöscht, für diesmal. Das Papageienweibchen ruht sich aus und singt. Irgendwann wird sie zweifellos wieder gefordert sein.

In der Geschichte ist sie ganz allein am leeren Himmel. So kann es sich anfühlen. Doch stell dir vor: Der Himmel ist voller kleiner Papageien.

Und bedenke: Es ist ein kleiner Papagei, kein Löwe oder Tiger oder Elephant, der die Wendung herbeiführt, den Regen bringt und das Feuer löscht. Vielleicht ist in dem großen Mysterium von allen Dingen das Kleine immer mit dem Großen verbunden.)


Mögen alle Wesen glücklich, friedvoll und frei von Leid sein.

Donna Leslie Thomson
Übersetzung ins Deutsche Sabine Bends